Als die Welt mir den Boden unter den Füßen wegzog

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– oder –

Mein erster Spaltensturz

Das Letzte, was ich zu Christiane sagte, war: „Ist nur ein beherzter Schritt. Mach mal auf Zug, das geht schon!“

Danach saß ich in meinen Sitzgurt. Die Welt hatte mir sprichwörtlich den Boden unter den Füßen weggezogen. Als Erstes spürte ich die Kälte. Oben, in einer anderen Welt, brannte die Sonne auf den Gletscher herab und verwandelte den festen Schnee in weichen Sulz, aber hier unten kroch schnell die Kälte durch die langärmeligen Klamotten. Plötzlich stellte ich fest, dass sich mein Trekkingstock immer noch dort befand, wo er die letzten Stunden verbracht hatte. Er wurde fest von meiner rechten Hand umklammert. Schneller Blick nach dem Eispickel. Hoffentlich war er nicht verloren. Doch der Pickel steckte am Spaltenrand mit dem Griff Richtung Oberwelt. Das nenne ich mal Schwein gehabt! Hätte mich ganz schön verletzten können, so ohne Helm.

Ein kurzer Check, nichts tat weh und ich konnte alles bewegen. Prima!

Aus der Oberwelt drang eine weibliche Stimme zu mir: „Alles okay?!“ – „Ja, alles gut. Nix verletzt!“

So hängend im Gurt hatte ich endlich Zeit mich umzusehen. Ich hing in einer etwas 1,5 Meter breiten Gletscherspalte, in der nur Licht von oben hereindrang, sonst war es doch recht düster.

Die Schneebrücke, welche zuvor noch Christianes ersten Schritt gehalten hatte, bevor diese mit dem anderen Fuß schon mal das Spalteninnere erkundet hatte und anschließend über den Schnee gerobbt war, hing in Richtung der Séracs neben mir eingeklemmt. Ich hatte den vermeintlich sicheren Tritt nutzen wollen, um einen beherzten Schritt über den Schlund zu machen. Manchmal funktionieren Masterpläne einfach nicht.

Die Eiswand auf der Bergseite hing leicht über, während die gegenüberliegende talseitige Wand eher senkrecht war. Beide schimmerten leicht bläulich. Die Talwand bildete einige Meter unter mir einen kleinen Absatz bevor sie im Dunkel verschwand. Kurz bevor sie von den Schatten verschluckt wurde, ging die Bergseite in einen Eisbuckel über. Der Boden war nicht zu erkennen.

Plötzlich ging ein Ruck durch das Seil und ich fiel noch einige Zentimeter. Anscheinend hatten die anderen Teilnehmer unseres Hochtourenanfängerkurses mit der Bergung begonnen. Muss ich schon mal keine Selbstrettung machen.

Kurz darauf erschien erst ein einzelner Tourenski mit gelben Fell, welchen wir zuvor auf dem Abstieg eingesammelt hatten, über dem Spaltenrand, gleich gefolgt von Stefans Kopf. „Wir ziehen dich jetzt hoch,“ so die Ansage.

Übung zur Selbstrettung

Ein weiterer Ruck ging durch das Seil und ich hatte mich einige Zentimeter der Sonne entgegen bewegt. Das Ganze wurde viele Male wiederholt und entpuppte sich als gehörig holprige Angelegenheit. Am Rand angekommen, stellte ich fest, dass sich das Seil etwa einen Meter durch den Firn in die Kante gefräst hatte. Dort hing mein Anseilknoten fest und versperrte das Weiterkommen. „Na, rausklettern musst du schon selbst. Das geht so nicht“, meinte mein Gegenüber.

Schnell den Eispickel von der gegenüberliegenden Seite geangelt, in den Firn geschlagen und die Frontalzacken der Steigeisen in der Wand versenkt, hievte ich mich auch schon über den Spaltenrand. Bloß schnell weg von dem Schlund robben, denn da war immer noch eine Schneebrücke.

Völlig unversehrt war ich nach meinem ersten Spaltensturz wieder in die Oberwelt zurückgekehrt. Ein gehöriger Schrecken saß nicht nur in meinen sondern auch in den Knochen der anderen Teilnehmer. Unser Bergführer mahnte zum zügigen Weiterkommen, denn die Séracs thronten bedrohlich in der Sommerhitze über der Gletscherspalte.

Séracs über dem Gletscher

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